Leute, Leute

09.04.2011, 22.04 Uhr

Zwischen Tradition und Neuanfang
Sabina Illbruck
(cj) Es ist nicht leicht, einen Termin mit Sabina Illbruck zu bekommen. Die Unternehmerin ist nun mal viel beschäftigt. Als es dann aber endlich klappt mit einem Treffen, macht sie im Besprechungsraum der stattlichen Illbruck-Villa einen entspannten Eindruck. Das iPhone liegt zwar griffbereit auf dem Schreibtisch und bimmelt ab und an. Aber die Chefin ist konzentriert und auskunftfreudig.


Sabina Illbruck
Sabina Illbruck nimmt sich ausgiebig Zeit für ein Gespräch über ihre Kindheit, ihre Eltern und ihre Zukunft.

Frau Illbruck, wenn Sie hier aus der Villa auf das Grundstück gegenüber schauen, wo bis vor ein paar Monaten noch die Gebäude der alten Firma Illbruck standen: Wie lange haben Sie gebraucht, um sich an den Anblick der Leere zu gewöhnen?
Illbruck: Zunächst einmal war es langer Prozess, diese Entscheidung für den Abriss überhaupt zu treffen. Damit haben wir uns drei, vier Jahre intensiv beschäftigt. Wir haben sogar eine Marketingfirma damit beauftragt zu untersuchen, welchen Zweck diese Gebäude noch erfüllen könnten. Da hat es viele Vorschläge gegeben, von einem Ärztehaus über ein Pflegeheim, einem Haus für Existenzgründer bis hin zu einem privaten Kindergarten und einer privaten Schule. Die Marketingfirma hat eine Studie erstellen lassen über die Bedürfnisse in der Umgebung, die unter anderem zu dem Ergebnis kam, dass es hier viele alleinerziehende Mütter und Väter im gehobenen Einkommenssegment gibt, die bereit wären, für eine entsprechend gute Betreuung ihrer Kinder einiges auszugeben.

Warum ist daraus nichts geworden?
Illbruck: Das Ganze ist an den hohen Auflagen gescheitert. Es wäre extrem teuer geworden, das Gebäude den Anforderungen entsprechend umzubauen. Und auch personell hätten wir – da es sich bei Kindergarten und Schule um die Altersklasse von sechs Monaten bis 14 Jahren handelte – von der Säuglingsschwester bis zum Therapeuten alles im Angebot haben müssen. Das wäre finanziell einfach nicht zu stemmen gewesen.

Die Gebäude wurden zwischenzeitlich dennoch einmal genutzt...
Illbruck: Ja, die Firma Johnson Controls kam auf uns zu. Die haben eine ganze Abteilung für zweieinhalb Jahre hierhin in die alten Illbruck-Gebäude ausgelagert. Dafür mussten einige Umbauarbeiten vorgenommen, neue Leitungen gelegt werden etc.. Da war erstmals zu sehen, wie alt diese Gebäude eigentlich sind. Nach den zweieinhalb Jahren benötigte Johnson Controls die Räume nicht mehr. Und nun waren wir an dem Punkt, wo nach all den Versuchen der Entschluss reifte, alles abzureißen.

Eine Entscheidung, die Sie schweren Herzens trafen?
Illbruck: Wissen Sie, ich hatte als abschreckendes Beispiel immer das Schmitz & Schulte-Gebäude in Burscheid vor Augen, das seit zig Jahren vor sich hin modert und einfach nur eine hässlich anzusehende Bauruine ist. So sollte es mit dem Illbruck-Gebäude nicht enden. Deshalb entschlossen wir uns zum Abriss.

Und nun? Was passiert mit dem Grundstück?
Illbruck: Erst einmal gar nichts. Es ist ein Baugrundstück, dass wir begrünen werden, vielleicht mit einer Blumenwiese. Zaun drum und fertig. Wir bündeln unsere Aktivitäten demnächst im Pattscheider Bahnhof. Irgendwann werde ich das Grundstück vielleicht verkaufen. Momentan denke ich daran aber nicht.

Mit dem Abriss der Produktionshalle und dem Verwaltungsgebäude ist ein Stück Leverkusener Industriegeschichte verschwunden. Was haben Sie empfunden, als im Oktober vergangenen Jahres die Bagger ihre Arbeit begannen?
Illbruck: Ich habe großen Wert darauf gelegt, beim ersten Einschlag der Abrissbirne dabei zu sein – es war ein komisches Gefühl, das muss ich zugeben. Mein Vater und meine Mutter haben das hier 1965 aufgebaut. Das Verwaltungsgebäude war ja eine alte Mühle, der Mühlstein steht heute noch hier im Garten. Mein Vater baute quer zum Verwaltungsgebäude die dreistöckigen Produktionshallen und kaufte gleich auch gegenüber die Villa.

Welche persönlichen Erinnerungen verbanden Sie mit den Produktionshallen und Bürogebäuden?
Illbruck: Für meinen Bruder Michael und mich waren gerade die Produktionshallen in unserer Kindheit ein wunderbarer Spielplatz. Vor allem unten im Keller turnten wir gerne zwischen den gepressten Schaumstoffballen, was wir natürlich nicht durften, weil diese Ballen ein ganz schönes Gewicht hatten. Der damalige Meister Heinz Reußwig jedenfalls fand das gar nicht lustig und war ständig auf der Suche nach uns. Wir versteckten uns dann – vor lauter Angst erwischt zu werden – manchmal stundenlang zwischen den Ballen. Ein Großteil unseres Familienlebens fand in der Firma statt. Mein Vater war auch jemand, der einen Großteil seiner Freunde unter den Mitarbeitern seiner Firma hatte.

Er galt als sehr fürsorglicher, beliebter Chef...
Illbruck: Das war er in der Tat. Er hat sowohl hier im Haus wie auch im Werk Neuenkamp große Feste und Feiern mit allen Mitarbeitern gegeben. Mein Vater legte Wert auf ein harmonisches Miteinander. Er hat auch sämtliche Führungskräfte aus dem eigenen Mitarbeiterstab aufgebaut, selten Leute von außerhalb geholt.

Sie und Ihr Bruder führen die Unternehmenstradition fort und sind in vielen Bereichen tätig. Wo liegen die Schwerpunkte Ihrer Firma illi & Compagnie?
Illbruck: Mein Bruder und ich teilten die Firma 2004 auf, Michael ging nach München und übernahm Unternehmensteile, ich blieb hier und kümmerte mich um den Sanitärbereich. Die Produktion befindet sich allerdings in Bad Wildungen, hier in Pattscheid ist nur noch der Sitz der Holding. Die wenigsten wissen das. Früher war hier ja auch die zentrale Verwaltung für das weltweit operierende Unternehmen mit über 3.000 Mitarbeitern. In der Pattscheider Zentrale saßen 130 Leute. Die sind für unsere illi & Compagnie nun bei weitem nicht mehr nötig. In der Produktion in Bad Wildungen haben wir rund 220 Mitarbeiter, die dort bodenebene Duschen und Badenwannen-Träger herstellen. Dazu gibt es zwei Auslands-Vertriebsgesellschaften in der Schweiz und in Österreich, die aus Bad Wildungen beliefert werden. Darüber hinaus haben wir noch einige andere Beteiligungen, u.a. an einem Logistikunternehmen.

Zwischenzeitlich hatten Sie sich für einige Jahre aus dem Unternehmen zurückgezogen und sich ganz dem Reitsport gewidmet. Was hat Sie dazu bewogen, wieder einzusteigen in den Familienbetrieb?
Illbruck: Die Situation nach dem Rückzug unserer Eltern. Mein Bruder und ich mussten uns darüber klar werden, welche Sparten weiter bestehen sollten und welche nicht. Auch das war ein Prozess von zwei Jahren, zwischen 2003 und 2005. 2004 starben unsere Eltern kurz hintereinander. Wir mussten analysieren, was zukunftsfähig ist und was auch unseren eigenen Neigungen und Fähigkeiten entspricht.

Fühlten Sie sich verpflichtet, das elterliche Erbe fortzusetzen?
Illbruck: Meine Eltern haben eine Firmenkultur geprägt, eine Corporate Identity, die für mich schon bindend war. Nur eine Fortführung der Geschäfte in der bisherigen Größenordnung war nicht mehr möglich, nicht mehr finanzierbar. Natürlich spielte auch der Wunsch eine große Rolle, meinem Sohn die Möglichkeit offen zu halten, die Firmentradition weiterzuführen. Er soll zumindest die Chance haben, das Unternehmen eines Tages zu leiten.

Wie sehr fühlen Sie sich Pattscheid verbunden, wie sehr sind Sie hier verwurzelt?
Illbruck: Ich habe natürlich viele Kindheitserinnerungen an Pattscheid und Umgebung. Aber richtig verwurzelt? Nein, das wäre übertrieben.

Was waren Ihnen die liebsten Ecken als Kind?
Illbruck: Wir sind am Ende vom Oberfeld oft runter in den Wald nach Diepental an den See. Ich hatte mit elf Jahren bereits ein Pferd und war an den Nachmittagen viel in der Oberwietsche im Stall der Familie Könemund.

Wie war die Schulzeit?
Illbruck: Na ja... Ich ging in Pattscheid zur Grundschule, anschließend aufs Marianum nach Opladen. Ich war allerdings nicht die beste Schülerin und kam mit zwölf auf ein Internat. Dort blieb ich fünf Jahre, erst in Graubünden im Hochalpinen Töchterinstitut und dann in der französisch sprechenden Schweiz in der Nähe von Neuchatel. Zurück in Leverkusen machte ich eine Banklehre bei der Dresdner Bank in Köln. Danach ging ich für ein Jahr nach Chicago zu einem Traineeprogramm. Im Anschluss daran folgte ein Jahr Paris bei Bayer France. Dann besuchte ich eine Wirtschaftsakademie und lernte in dieser Zeit meinen ersten Mann, einen Italiener, kennen.

Und lebten fortan in Italien...
Illbruck: Ich zog als 23-Jährige nach Varese am Lago Maggiore, war viereinhalb Jahre verheiratet und bin nach sieben Jahren wieder nach Deutschland zurückgekommen. Heiratete hier ein zweites Mal und arbeitete im elterlichen Unternehmen. In der Zeit fing ich mit dem Reitsport an, war quasi jedes Wochenende auf einem Turnier in Deutschland oder auch im Ausland. Sie sehen also, ich war immer schon viel unterwegs und habe deshalb kein so wahnsinnig enges Verhältnis zu Pattscheid. Ab August werde ich in Berlin leben, eine Wohnung habe ich bereits gekauft.

Sie brechen hier alle Zelte ab?
Illbruck: Die Firmenzentrale von illi & Compagnie wird in Pattscheid verbleiben. Wir ziehen im kommenden Mai nur um, und zwar in den Pattscheider Bahnhof gleich gegenüber. Dort werde ich im Dachgeschoss eine Zweitwohnung behalten, weil ich natürlich noch häufig hier sein werde. Und unten werden die Mitarbeiter der Holding ihre Geschäftsräume einrichten.

Und die elterliche Villa, in der sich momentan die Geschäftsräume befinden?
Illbruck: Die Villa ist bereits zum Verkauf angeboten, mein Haus in der Engelbertstraße ist bereits verkauft.

Fällt Ihnen dieser Umzug nicht schwer?
Illbruck: Nein, so schön es hier landschaftlich sicher ist, aber ich bin alleinstehend, mir passiert hier einfach zu wenig. Ich bin jetzt Anfang 50 und möchte mich einfach noch einmal verändern.

Warum Berlin?
Illbruck: Ich habe viele Freunde dort und mag diese Stadt sehr. Und werde dort auch mitten im Zentrum wohnen. Das wird natürlich eine Umstellung vom beschaulichen Pattscheid in die Weltstadt Berlin – aber ich freue mich riesig drauf.

Und dann werden Sie regelmäßig zwischen Berlin, Pattscheid und Bad Wildungen pendeln?
Illbruck: Genau, mit dem Flugzeug ist man von Berlin ja in einer Stunde hier. Und was Bad Wildungen betrifft, so haben wir dort ein erstklassiges Management, auf das ich mich hundertprozentig verlassen kann. Wir treffen uns alle zwei Monate zu einem Meeting, bei dem alle wichtigen Entscheidungen besprochen werden.

Ein weiterer Lebensmittelpunkt von Ihnen ist seit Jahren Sardinien...
Illbruck: Ich habe dort ein kleines Reihenhaus von meinen Eltern geerbt direkt an einem Hafen, wo ich ein kleines Motorboot liegen habe. Von Juni bis Oktober bin ich regelmäßig dort.

Ein Motorboot? Kein Segelboot?
Illbruck: Auch wenn es die Familientradition nahe legt – ich hatte anfangs keine besondere Beziehung zum Segeln. Mir ist auf dem Segelschiff meines Vaters immer schlecht geworden. Deshalb war ich bei unseren sommerlichen Segeltörns, wenn es von Holland durch den Ärmelkanal Richtung Isle of Wight ging, ständig unter Deck. Erst später, so mit 16 oder 17, wenn wir auch mal in wärmeren Gefilden unterwegs waren, fand ich Spaß am Segeln und habe dann auch einige Regatten mitgemacht. Aber mein Bruder Michael war da sehr viel ambitionierter als ich.

Der hat immerhin als Teamchef mit der „Illbruck“ 2001/2002 die härteste Hochsee-Regatta der Welt gewonnen...
Illbruck: Ja, und es war der erste Sieg für eine deutsche Yacht in der langen Geschichte dieses Volvo Ocean Race. Die „Illbruck“ wurde ja auch hier in Pattscheid gebaut. Das war damals eine Riesen-Sache für Leverkusen.

Sie selber haben mit dem „Team Sabina Illbruck“ viele Jahre talentierte Reiter-Talente gefördert.
Illbruck: Spitzensport ist nur möglich, wenn es Sponsoren gibt, das zeigte mir die Geschichte meines Vaters. Ich habe als begeisterte Reiterin also versucht, Springreiter zu fördern, die u.a. von Rudi Könemund trainiert worden sind. Inzwischen habe ich das Team aufgelöst. Mein Sohn Marco ist aber noch sehr aktiv im Reitsport.

Lassen Sie uns noch kurz über den Pattscheider Bahnhof sprechen, der nun also ab Mai die Zentrale Ihrer Holding wird. Welche Beziehung haben Sie zum Bahnhof?
Illbruck: Ich bin von dort selber noch mit dem Balkanexpress in die Schule nach Opladen gefahren. Und ich kann mich noch gut daran erinnern, dass ich meiner Mutter ab und zu fünf Pfennig gestohlen habe, um mir an einem Automaten vor dem Kassenhäuschen ein paar Maoam-Riegel zu ziehen. Dieser Bahnhof weckt viele Kindheitserinnerungen in mir.

Ihre Eltern haben diesen Bahnhof in den 80er Jahren gekauft und historisch detailgetreu restauriert.
Illbruck: Der Bahnhof stand unter Denkmalschutz und wurde jahrelang von der Schreinerei Salgert genutzt. Dann kam es fast zur Zwangsversteigerung. Meine Familie war schon allein deshalb am Erwerb des Bahnhofs interessiert, weil zu dem Grundstück auch der Parkplatzbereich vor unserem Verwaltungsgebäude gehörte. Diese Parkplätze für unsere Angestellten mussten wir von der Schreinerei Salgert mieten. Als sich die Möglichkeit bot, den Bahnhof zu kaufen, musste die Familie nicht lange überlegen. Und weil sie, wenn sie etwas tat, es dann auch richtig tat, ließ sie den Bahnhof in enger Abstimmung mit der Denkmalbehörde hochwertig und mit viel Liebe zum Detail restaurieren. Sie nutzte ihn dann als Konferenzzentrum.

Zuletzt konnte der Bahnhof auch von Dritten für Feiern aller Art gemietet werden. Rudi Völler hat hier seinen 50. Geburtstag gefeiert, Bayer 04 Leverkusen noch im vergangenen Jahr seine Weihnachtsfeier.
Illbruck: Richtig, das Ambiente hat ja auch einen großen Reiz. Aber wir werden den Bahnhof in Zukunft leider nicht mehr für solche Veranstaltungen anbieten können.

Eventuell wird in nicht allzu ferner Zukunft ein Rad- und Wanderweg unmittelbar am Bahnhof vorbeiführen. Was halten Sie von dem Plan?
Ilbruck: Wenn das wirklich klappen sollte mit dem Umbau der Balkantrasse, fände ich das klasse. Es war ja schon mal ein Herr vom Förderverein hier bei uns, um anzufragen, wie wir als Anlieger dieses Projekt sehen. Wir wären im Übrigen der größte Anlieger auf der Leverkusener Strecke was die Meterlaufzahl betrifft.

Und Sie würden einem Zugang über den Bahnhof Pattscheid auch zustimmen?
Illbruck: Natürlich!

Gleich um die Ecke hier findet jedes Jahr das Dorffest statt. Gehen Sie da eigentlich auch hin?
Illbruck: Nicht immer, aber ich war schon oft da. Früher gehörte es zum guten Ton der Firma Illbruck, ihre Mitarbeiter an einem Tag zum Pattscheider Dorffest einzuladen. Mein Vater kaufte dann jede Menge Bons und dann wurde mitgefeiert. Außerdem wird der Toilettenwagen seit über 30 Jahren von Illbruck gesponsort - aber das nur am Rande. Ich mag das Dorffest, es ist eine schöne Tradition.

 

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