Leute, Leute

10.03.2011, 21.53 Uhr

Wo „Schnix" die Ohren anlegte
Christine Schulz
(cj) Von der evangelischen Kirche einmal abgesehen gibt es wohl keinen Ort im Ort, den man mit größerer Berechtigung als Zentrum, als Herz von Bergisch Neukirchen bezeichnen dürfte. Im Post- und Lotto/Toto-Laden von Frau Schulz spielt sich, sagen wir's mal etwas überspitzt, das gesellschaftliche Leben Bergisch Neukirchens ab.


Christine Schulz und ihre Tochter Diana
Das kleine Geschäft ist viel mehr als das. Es ist Nachrichtenbörse und Marktplatz. Hier werden nicht nur Zeitschriften gekauft, sondern kleine – und manchmal auch große – Sorgen offenbart. Nicht nur Päckchen aufgegeben, sondern „breaking news" aus dem Dorf ausgetauscht. Am schwarzen Brett im Vorraum Meerschweinchen angeboten und Nachhilfen gesucht, Wohnungen vermietet und Kinderwagen günstig abgegeben. Ein Treffpunkt für jung und alt, Neuhinzugezogene und Alteingesessene. Ein Ort eben mit hohem Wohlfühlfaktor und ebensolchem Informationswert.

Da spurte auch Bernd Schneider

Wer drinnen von Frau Schulz mit Namen begrüßt wird, der hat's geschafft in Bergisch Neukirchen, der darf sich schon ein bisschen geadelt fühlen. Wie einst Bernd Schneider. Ja, der Bernd Schneider, genannt Schnix, ehemaliger Bayer 04-Profi und Nationalspieler. Der mittlerweile wieder in seiner Heimatstadt Jena lebende Fußballstar und bekennende Raucher wohnte in seiner Leverkusener Zeit in Leichlingen und hat auf seinem Weg zum Training oft einen Zwischenstopp bei Frau Schulz eingelegt. Wortkarg, fast schüchtern verlangte er stets nur nach einem Päckchen Zigaretten. „Ich kannte den Herrn gar nicht, der anfangs noch nicht mal die Zähne zu einem Guten Tag auseinander bekam", schmunzelt Frau Schulz. Erst eine Kundin, die den Star mit großen Augen angeschaut habe, verriet ihr den Namen des schweigsamen Fußballers.

Besonderen Eindruck machte das nicht auf Frau Schulz. Aber den Wunsch ihrer Kundin, ihr doch ein Autogramm von Schnix zu besorgen, erfüllte sie gerne. Und bei der Gelegenheit machte sie den Fußballer auch gleich mit den Gepflogenheiten in diesem ihrem Reich vertraut. „Sie sind doch der Herr Schneider", habe sie zu ihm gesagt, worauf dieser mit einem leisen „Ja" geantwortet habe. „Sehen Sie, und ich bin die Frau Schulz, hier bei uns begrüßt man sich, wenn man eintritt."
Der Schneiders Bernd sei ein wenig verdattert gewesen, in der Folgezeit aber stets mit einem freundlichen „Guten Tag, Frau Schulz" in den Laden gekommen. „Man muss sich die Leute eben manchmal erziehen", sagt Frau Schulz mit einem Zwinkern.

Seit 21 Jahren ist hier der Kunde König

Diese kleine Anekdote sagt viel aus über die 62-Jährige, über ihre zupackende und direkte Art. Immer freundlich, immer herzlich: Das Wort vom Kunden, der König ist, wird von ihr sehr ernst genommen. Aber Manieren erwartet sie auch von ihm, dem Kunden. Die Bergisch Neukirchener schätzen ihr offenes Ohr und ihren Humor, ihre Zuverlässigkeit und Standhaftigkeit. Sie selbst bezeichnet sich als rheinische Frohnatur. Immerhin ist Frau Schulz ja auch gebürtige Kölnerin, lebt aber seit vielen Jahren in Opladen.

Schon seit 21 Jahren ist Bergisch Neukirchen ihre zweite Heimat. So lange führt Christine Schulz ihr Geschäft bereits hier. (Jetzt ist es raus, Frau Schulz heißt Christine mit Vornamen, aber weil sie für alle nur „Frau Schulz" ist, wollen wir es im Folgenden auch dabei belassen). Die ehemalige kaufmännische Angestellte der Bayer AG hatte in ihrem damaligen Job viel Kontakt zu Bergisch Neukirchenern und hörte auf diese Weise auch vom Verkauf des Lotto-Ladens, der sich damals noch dort befand, wo heute die Bäckerei Willeke beheimatet ist. Neun Jahre blieb sie dort, dann machte 1999 nebenan die Post zu und Frau Schulz wechselte ein paar Meter weiter in ihr neues Domizil. Und übernahm zusätzlich zu ihrem bisherigen Angebot auch gleich die nun etwas verkleinerte Postfiliale.

Und noch ein Umzug

Im Juni dieses Jahres nun folgt der nächste Umzug - auch wieder nur ein paar Meter weiter die Burscheider Straße rauf. Weil ihr eine saftige Mieterhöhung für das Ladenlokal angekündigt worden war, die das Geschäft unrentabel gemacht hätte, suchte Frau Schulz monatelang nach neuen Räumlichkeiten in Bergisch Neukirchen. Für März 2011 hatte sie die Kündigung erhalten. Es soll Kunden gegeben haben, die angesichts der drohenden Schließung in Tränen ausgebrochen sind. Und das nicht in erster Linie aus Angst vor dem Aus der Post und der Lottoannahmestelle, sondern in Sorge um ein Stück Bergisch Neukirchen, das verloren gegangen wäre.

Im August vergangenen Jahres kam - auf den letzten Drücker, denn die Post und auch der Bereich Lotto/Toto haben eine halbjährige Kündigungsfrist - die Rettung. Das Haus, in dem das Installationsunternehmen Kauermann untergebracht war, stand zum Verkauf. Frau Schulz musste nicht lange überlegen, ihr Sohn kaufte das Haus und sie begann dort zügig mit den Umbauarbeiten. Nun also wird bald das nächste Kapitel aufgeschlagen – in einem Geschäft mit deutlich größerer Verkaufsfläche (ca. 100 Quadratmeter, vorher waren es ca. 60 Quadratmeter). Auch die Trennung zwischen Post und Geschäft wird besser umzusetzen sein. „Alles soll dort großzügiger und einfach schöner aussehen als hier im alten Geschäft", sagt Frau Schulz, die auch weiterhin von fünf Mitarbeiterinnen unterstützt wird. Seit zwei Jahren ist zudem Tochter Diana (28) dabei, die einmal die Nachfolge der Mutter antreten soll.

Zur Erholung an die Nordsee

Noch aber verschwendet Frau Schulz keinen Gedanken ans Aufhören. Dafür arbeitet sie viel zu gern. Sie ist immer noch jeden Tag im Geschäft, macht die Abrechnungen, schaut abends nach, ob alles abgeschlossen ist. Erholung gönnt sie sich nur bei Kurzurlauben in Neßmersiel an der Nordsee. „Dort schöpfe ich viel Kraft. Und wer, wie ich, unter Heuschnupfen leidet, dem tut allein die Luft da oben schon gut".

Jetzt freilich steckt sie all ihre Energie in den Umzug. Mit Blick darauf bereite ihr lediglich die „katastrophale Parkplatzsituation" vor Ort ein wenig Sorge. „Das ist ja ein altes Problem in Bergisch Neukirchen, das wohl so bald keine Lösung finden wird."

Ansonsten aber kann sie sich keinen schöneren Ort zum Arbeiten vorstellen. Das Verhältnis zu den Geschäftsleuten hier sei sehr herzlich, der Menschenschlag gefalle ihr und über die Jahre habe sie ein solch enges Verhältnis zu ihren Kunden aufgebaut, dass sie darüber manch unschöne Entwicklung bei der Post verschmerzen könne. Vor Jahren, im Zuge der Schließung vieler Postfilialen im Umkreis, war Frau Schulz sogar mal im WDR-Fernsehen zu sehen. Und natürlich hat sie damals deutlich Stellung bezogen und sich kritisch geäußert zum großen „Poststerben". „Das hat ein bisschen Ärger von der Zentrale gegeben, aber es musste einfach raus."

Am richtigen Platz

Was die Post betrifft, seien die Zeiten nun mal schwieriger geworden. Man hafte inzwischen für jede Briefmarke, bekomme viel weniger Provision als noch vor einigen Jahren und ständig gebe es Umstrukturierungen. „Es erfordert inzwischen viel kaufmännisches Geschick, eine Postfiliale ohne Verlust zu führen", sagt Frau Schulz. Sie macht's trotzdem immer noch gerne. Jeden Tag. Und außerdem sind ja da auch noch das Geschäft und die Kunden, die ihr ans Herz gewachsen sind. Und viele Bergisch Neukirchener mögen sich ihr Dorf ohne sie gar nicht vorstellen.

Manche Kinder, sagt Frau Schulz, kämen nach der Zeugnisvergabe zuerst zu ihr, um eine schlechte Note zu beichten. „Das zeigt, wie viel Vertrauen mir entgegengebracht wird. Und ich weiß dann: Hier bist du am richtigen Platz."

 

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