Leute, Leute

31.01.2011, 10.33 Uhr

Der Weinexperte aus Imbach
Günter Kamolz
(cj) Günter Kamolz führt seit sieben Jahren seinen kleinen Imbacher Weinladen an der Wuppertalstraße. Der fast vollständig erblindete 55-Jährige ist damit aber längst nicht ausgelastet. So viele Ideen, so viel Kreativität und Neugierde wollen ausgelebt werden....


Kleiner Gag: Die Telefonzelle mit Besucher im Garten
Das Allererste was auffällt an ihm ist sein Lachen. Ein herzhaftes, offenes, hohes Lachen, in dem etwas Verschmitztes mitschwingt, eine kindlich-diebische Freude. Damit nimmt er einen sofort für sich ein. Wer Günter Kamolz in seinem Imbacher Weinlädchen an der Wuppertalstraße besucht, fühlt sich schnell wohl in diesem kleinen Reich, das so viel unkitschige Gemütlichkeit ausstrahlt. Gleich links neben dem Eingang steht eine wuchtige Weinpresse aus dem Jahr 1910, dahinter auf den Regalen weisen ein paar Sekt- und Weinflaschen auf die Bestimmung des Raumes hin. Zwei große, rustikale Tische, ein Kaminofen, die Holztheke - das war's. Kein Schnickschnack. Schlicht und doch behaglich. Hier lässt sich's nett plaudern über edle Tropfen, gesellige Imbacher, blinde Stadtführer und eine erfolgreiche Kunstnacht.


Herr Kamolz, fangen wir doch bei einem Weinkenner wie Ihnen gleich mal mit einer klassischen Frage an: Was ist Ihr derzeitiger Lieblingswein?
Kamolz: Ein Württemberger Spätburgunder, ganz trocken ausgebaut, mit einer Restsüße von vier Gramm, einem leicht rauchigen Abgang, vergleichbar einem Bordeaux. Im Sommer steige ich allerdings auf spritzige Weißweine um. Ich passe meinen Geschmack der Jahreszeit an.

Wie viele Weine haben Sie in Ihrem Sortiment?
Kamolz: 32, der weitaus größte Teil kommt aus Deutschland. Regent, Blauer Portugieser, trockene und milde Spätburgunder, drei Silvaner, Dornfelder. Ich habe nur zwei Spanier und zwei Franzosen im Haus.

Ist der Dornfelder immer noch ein Renner?
Kamolz: Er hat sich ein bisschen flach gelaufen in den letzten Monaten. Davor hat die ganze Welt nach Dornfelder geschrien. Nun haben ihn sich offenbar viele leid getrunken. Aber es gibt inzwischen interessante Kreuzungen, z.B. den Acolon, der erst 2001 ins Rebenregister aufgenommen wurde. Die Mutter ist ein Lemberger Trollinger, der Vater ein Dornfelder. Ein ganz milder Wein, halbtrocken ausgebaut. Bei meinen Weinproben gebe ich immer einen scharfen Hirtenkäse oder einen ganz reifen Camembert dazu, dann legt man den auf den Gaumen und spült mit dem Acolon nach. Da sind die Leute ganz verzückt, das ist ein besonderer Kick.

Wie und wann sind Sie auf die Idee gekommen, in Imbach einen Weinladen zu eröffnen?
Kamolz: Als mein Vater starb, habe ich mich gefragt, was man aus dem alten Schuppen machen könnte. Gemeinsam mit einem Nachbarn entwickelte sich dann schnell die Idee eines Weinladens. Das lag auch aufgrund meiner beruflichen Laufbahn relativ nahe. Ich habe 36 Jahre im Bayer-Kaufhaus gearbeitet und dort viel mit dem Bayer-Weinkeller zu tun gehabt. Ein bisschen Ahnung von Wein hatte ich also schon, den Rest habe ich mir über Seminare angeeignet.

Und diesen Schuppen, wie Sie ihn nennen – dabei ist das doch eher ein robuster Bau – konnten Sie den direkt nutzen?
Kamolz: Das wäre schön gewesen... Nein, wir haben viel Arbeit reingesteckt, alles rausgerissen bis unter die Dachpfannen, neue Balken und Böden eingezogen, eine Wand entfernt. Bei all dem aber versucht, den Charakter des Raumes zu erhalten. 2003 haben wir dann eröffnet.

Woher beziehen Sie Ihre Weine?
Kamolz: Direkt vom Winzer, ich spare mir so den Zwischenhandel und kann deshalb meine Weine zu moderaten Preisen anbieten. Die Spanne reicht von vier bis zehn Euro. Das Grundsortiment bestelle ich bei einem Winzer, der praktischerweise auch mein Cousin ist und in Nierstein bei Mainz lebt.

Und von Anfang an fanden regelmäßig Weinproben statt?
Kamolz: Ja, wir bieten Weinproben für bis zu 16 Personen an, mehr wäre auf dieser Größe nur sehr beengt machbar. Die Gruppe soll hier schließlich in Ruhe und unbedrängt ihre Weine kosten dürfen. Man kann unser Weinlädchen aber auch für private Feiern mieten. Wein und Sekt sollte man natürlich bei mir bestellen, das Essen und andere Getränke bringen sich die Leute selber mit.

Beim Sekt führen Sie sogar eine „Imbacher Hausmarke“ – was steckt dahinter bzw. darin?
Kamolz: Ich habe mir diesen Sekt in Rüdesheim an der Nahe cuvieren, d.h. verschneiden lassen. Er besteht zu 60% aus Riesling und zu 40 % aus Müller-Thurgau und ist fruchtig-trocken. Das Etikett haben wir von der Firma Jancke in Opladen machen lassen.

Ein kleiner Laden in einem kleinen Örtchen wie Imbach – war das vom Start weg ein Erfolg?
Kamolz: Nein, das braucht seine Zeit, bis es sich rumgesprochen hat. Anfangs taten wir uns schwer. Jetzt aber läuft es sehr gut, die Mund-zu-Mund-Propaganda trägt Früchte. Und die beste Werbung für den Laden kann man eh durch Freundlichkeit dem Kunden gegenüber machen.

Sie Sind fast vollständig erblindet – und führen die Weinproben ganz alleine durch?
Kamolz: Nein, dabei hilft mir meine Lebensgefährtin. Sie reicht mir die entsprechenden Flaschen, ich erzähle meine Geschichten dazu. Das klappt hervorragend. Und hier in meinem Schuppen kenne ich ja nun jeden Quadratzentimeter in und auswendig.

Was können Sie noch sehen?
Kamolz: Hell-Dunkel-Unterscheidungen krieg’ ich noch hin. Ich habe ein Rest-Sehvermögen von rund zehn Prozent. Die Degeneration der Netzhaut ist ein schleichender Prozess. Als ich sechs war und in die Schule kam, konnte ich das, was der Lehrer an die Tafel geschrieben hatte, nicht lesen. Da gingen wir zum Arzt, und der diagnostizierte einen erblich bedingten Netzhautzerfall. Es ging aber noch viele Jahre sehr gut. Ich konnte ja meinen Beruf 36 Jahre lang ausüben. Erst in den vergangenen Jahren ist es doch gravierend schlimmer geworden, der Tunnelblick verengt sich.

Sie sind trotz dieser Beeinträchtigung ein sehr umtriebiger Mensch und haben im vergangenen Jahr erstmals Ihre historische Scheune aus dem 18. Jahrhundert als Ausstellungsort bei der Leverkusener Kunstnacht zur Verfügung gestellt. Die Resonanz war, wie man hörte, fantastisch.
Kamolz: Ja, die Kunstnacht war für uns ein voller Erfolg. Der Shuttle-Service hat uns rund 700 Besucher an dem einen Abend gebracht, die vom Ambiente und der Idee, Kunst in einer Scheune zu präsentieren, begeistert waren.

Die alle im Dunkeln stattgefunden haben...
Kamolz: Kunst zum Fühlen und Anfassen, zum Begreifen wollten wir präsentieren. Die Künstler, die ihre Werke hier ausstellten, waren vorher bei mir vor Ort, um sich die Gegebenheiten anzuschauen und fanden es sofort klasse. Ich habe also alle Fenster zugehängt und führte die Leute durch die stockdunkle Scheune, in der zum Beispiel Skulpturen in Stroh versteckt waren. Die Idee dazu kam mir in einem Kölner Restaurant, das unter dem Motto ‚Dinner in the dark’ den Gästen das Essen in fast völliger Dunkelheit auf den Tisch bringt, um so deren Sinne zu schärfen. Ich dachte mir, das ließe sich doch hier mit Kunst auch prima machen.

Sind Sie in diesem Jahr auch wieder dabei?
Kamolz: Das wird sich im Laufe des Frühjahres entscheiden.

Sie sind in Imbach aufgewachsen. Wie hat sich der Ort entwickelt?
Kamolz: Die alte Struktur des Ortes ist in großen Teilen erhalten geblieben. Ich bin sehr traditionsbewusst und liebe das alte Ambiente. Hier, in dieser Scheune zum Beispiel, finde ich heute beim Aufräumen immer noch Stiele.

Stiele?
Kamolz: Ja, vor dem ersten Weltkrieg war das hier eine Stielfabrik. Hammerstiele, Schippenstiele, Besenstiele – so was wurde hier hergestellt. Etwas weiter unten, im Fuchsloch, gab’s eine Brettschneiderei, und aus den Brettern wurden dann hier die Stiele gemacht.

Heute macht Imbach immer noch einen sehr idyllischen Eindruck.
Kamolz: Aber man muss schon aufpassen: Ich habe ein Problem mit einer bestimmten Art von Baulückenschließung. Da richtet man sich bei der Höhe von Gebäuden nicht mehr an der Firsthöhe von bestehenden Häusern aus. Da werden alte, gewachsene Strukturen von Leuten zerstört, die sich profilieren wollen. Es gibt 200 Jahre alte Fachwerkhäuser, und daneben wird einfach ein zwölf Meter hoher Neubau gesetzt. Das finde ich nicht in Ordnung.

In Imbach feiert die Dorfgemeinschaft einmal im Jahr ihr Fest. Lebt das Dorf Gemeinschaft auch darüber hinaus?
Kamolz: Der Zusammenhalt untereinander ist vielleicht nicht mehr so, wie er mal war. Aber es finden schon noch viele gemeinsame Aktivitäten statt. Leider gibt es ja den Gesangsverein „Doppel-Quartett“ nicht mehr. Immerhin halten einige noch die Tradition des Pfingsteiersingens aufrecht. Dann gibt’s das wöchentliche „Dorfstübchen“, eine nette Gesprächsrunde, die mal im Café Flocke, mal bei mir im Weinlädchen stattfindet. Ab und an findet ein gemeinsames Bosseln statt. Also, da ist schon noch was los in Imbach.

Sie führen den Weinladen, richten Ihre Scheune für Kunstevents her. Und außerdem sind Sie noch als Stadtführer der besonderen Art unterwegs. Was für eine Idee steckt hinter dem Konzept „Blinde Stadt?“
Kamolz: Die Idee haben Oliver Simon und ich im Berufsförderungswerk für Blinde und Sehbehinderte in Düren entwickelt. Oliver ist dort Mobilitätstrainer gewesen. Wir fragten uns, ob es nicht eine interessante Sache sein könnte, wenn Menschen mit normaler Sehkraft mal für eine Stunde „blind“ spielen könnten. Welche Erfahrungen würden sie dabei machen, welche Sinne würden geschärft werden? So bieten wir nun Stadtführungen an, bei denen Sehende mit Schlafbrillen ausgestattet werden und erleben bzwl erfühlen können, wie es ist, in absoluter Dunkelheit durchs Leben zu gehen. Ich starte mit der Gruppe an der Herz-Jesu-Kirche in Wiesdorf. Es ist keine Stadtführung im eigentlichen Sinne. Bei mir dürfen die Leute Skulpturen anfassen und ich erzähle ihnen die eine oder andere Anekdote aus meinem Leben. Viele Teilnehmer sind hinterher sehr beeindruckt.

 

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Informationen

Imbacher Weinlädchen
Wuppertalstr. 96
Tel. 02171 /3 32 20
Weinverkauf: Öffnungszeiten und Weinproben nach Vereinbarung
Der Raum kann für Privatfeiern (Selbstverpflegung) gemietet werden.

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