Bergisch Neukirchener Gespräche

01.09.2012, 21.24 Uhr

Der Trend geht zur personalisierten Zeitung
Ein Gespräch über die Medien- und Kommunikationslandschaft mit René Garcia
(cj) Seit über einem Viertel Jahrhundert gibt es das Medienhaus Garcia in der Opladener Stauffenbergstraße. Gründer und Geschäftsführer René Garcia beschäftigt inzwischen 41 Mitarbeiter in seinem Medienhaus. 2007 wurde der 57-Jährige mit dem Preis des Mittelstandes ausgezeichnet. Der gebürtige Spanier, der im Alter von fünf Jahren nach Deutschland kam, hat zwei Töchter und wohnt in Diepental. Ein Gespräch über die Entwicklung der Kommunikations- und Medienlandschaft...


Herr Garcia, wie intensiv nutzen Sie moderne Medien?
García: Ich persönlich habe ein iPhone. Und hier in der Firma sind wir momentan dabei, uns intensiv mit dem iPad zu beschäftigen, weil unsere großen Kunden wie die Bayer AG und Lanxess auf uns zugekommen sind. Die Unternehmen wollen nicht mehr nur Broschüren drucken, sondern sie danach zum E-Book umgebaut haben. Deren Vertrieb ist nämlich komplett mit iPads ausgestattet. Wir sind nun dabei, unsere Leute entsprechend zu schulen. Der Einsatz von Tablet-PCs - das ist ganz definitiv die Zukunft.

Wie viele Minuten oder Stunden sind Sie privat täglich im Internet?
García: Privat so gut wie gar nicht. Ich stehe morgens um sechs Uhr auf und bin abends um sechs Uhr wieder zu Hause. Ich bin ja hier ständig von moderner Technik umgeben. Privat versuche ich möglichst wenig davon einzusetzen. Ich habe zu Hause auch kein Büro, ganz bewusst nicht. Am Anfang hatte ich eines - und wie sah dann mein Alltag aus? Man hat Feierabend, isst was, geht ins Büro und hängt dann doch noch ein paar Stunden dran. Ich habe mit meiner Frau vereinbart, lieber etwas länger im Betrieb zu arbeiten, dafür ist dann zu Hause auch wirklich Feierabend.

Haben Sie einen Facebook-Account?
García: Nein. Das ist nichts für mich.

Und im Büro, wie lange sind Sie da online am Tag?
García: Permanent, denn die ganze Kommunikation läuft über das Internet.

Sie leiten ein Medienhaus, in dem auch der Bereich Druckerei eine wichtige Rolle spielt. Mit welchen Gefühlen betrachten Sie den Wandel in der Medienlandschaft mit ihrer immer stärkeren Ausrichtung auf den online-Bereich?
García: Da möchte ich etwas ausholen. Wir haben 1986 begonnen, aber nicht mit dem Druck, sondern als Layoutsetzerei. Früher gab es in Leverkusen sechs, sieben solcher Layoutsetzereien. Die haben den Fotosatz geliefert, den man benötigte, um zu drucken. Es gab ja damals noch keine Computer. Wir haben den Satz in einer Dunkelkammer belichtet, und zwar den reinen Text, die Bilder wurden separat mit Reprokameras aufbereitet und gerastert - und dann wurde das Ganze manuell montiert zu kompletten Seiten. Man konnte zum Beispiel Texte noch nicht strecken oder modifizieren, wie das heute im PC möglich ist. Das ging nur Zeile für Zeile. So fing die ganze Sache an. Wir haben uns aber dann weiterentwickelt und Reprofotografen mit ins Haus genommen - womit wir in der Lage waren, komplette Seiten zu liefern mit Text und Foto.

Warum sahen Sie recht bald die Notwendigkeit, das Drucken selber zu erledigen?
Garcia: Eigentlich, weil speziell Bayer diesen Bedarf äußerte. Früher gab es noch keine verbindlichen Digitalproofs, Bayer hatte mich damals damit beauftragt, diese Druckabnahme zu machen. Ich bin dann durch die Gegend gefahren und irgendwann reifte die Idee, dass ich diese Drucksachen doch gleich selber hier in Leverkusen herstellen konnte. Wir haben also 1991 hier vier Druckmaschinen aufgestellt, und weil diese Maschinen doch recht teuer sind, arbeiteten wir relativ schnell im Schichtsystem, um das Ganze rentabler zu machen. Heute haben wir zwei noch größere Maschinen der sogenannten Speedmaster-Generation, die rund um die Uhr laufen.

Wie viel Prozent Ihres Geschäftes macht der Bereich Druck aus?
García: Rund 30 bis 40 Prozent. Schwerpunkt sind aber immer noch die Vorstufen mit Mediengestaltern, Grafikern und ehemaligen Schriftsetzern, die sich weiterentwickelt haben.

In welche Richtung weiterentwickelt haben?
Garcia: Wir betreiben hier sieben bis acht Online-Shops unter anderem für Bayer und Lanxess. Und das sind weltweite Shops, über die diese Unternehmen ihre komplette Geschäftsausstattung vom Briefbogen über Visitenkarten bis hin zu allen Formen von Hüllen und Mappen bestellen. Für die Bayer AG machen wir auch beleuchtete Schilder. Das sind Bereiche, die uns in der Krise sicherlich geholfen haben.

An dieser Krise im Druckgewerbe waren die Online-Druckereien, die plötzlich wie Pilze aus dem Boden schossen, nicht ganz unschuldig, oder?
Garcia: Der Druckpreis sank rapide dadurch, das stimmt. Uns hat geholfen, dass wir sehr breit aufgestellt waren, dass wir immer auch im Kreativbereich gearbeitet haben. Wir machten zum Beispiel für die Imagekampagne von Lanxess sämtliche Reinzeichnungen für alle Anzeigen und alle Poster. Und wir können viele Arbeiten im eigenen Haus ausführen, weil wir eine eigene Buchbinderei mit Verarbeitungsmaschinen und Verarbeitungsstraßen haben.

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Beunruhigt Sie die Entwicklung weg vom gedruckten Wort hin zur ultraschnellen Internetwelt?
García: Sehen Sie, in Deutschland machen im Schnitt pro Jahr circa 500 Druckereien dicht. Momentan gibt es noch rund 6.000 bis 7.000 Druckereien - wir hatten mal über 10.000. Und der Prozess wird noch Jahre anhalten, weil es ein Überangebot gibt und die Preise kaputt sind. Man kann kaum überleben, weil die Maschinen so teuer sind und der Stundensatz für die reinen Druckereien das einfach nicht mehr reinholt. Der vom Verband vorgegebene Stundensatz für eine Druckmaschine sieht 180 Euro vor. Gezahlt werden in der Praxis heute aber nur noch rund 80 Euro.
Es kommen heute fast nur noch solche Betriebe über die Runden, die bereits abbezahlte Maschinen besitzen, aber auch die müssen irgendwann mal wieder investieren.
Internetdruckereien sind auch deshalb viel günstiger, weil sie keine Beratung anbieten. Wir haben 41 Angestellte, von denen zwölf nicht in der Technik arbeiten, sondern die rausfahren und unsere Kunden beraten.
Die Internetdruckereien haben 20, 30 Druckmaschinen in Reihe stehen und müssen nicht umrüsten. Die haben eine Maschine für Prospekte, eine Maschine für Flyer, eine Maschine für Broschüren - wir haben zwei Maschinen für alles. Auch im Einkauf haben diese Internetdruckereien Vorteile, weil sie aufgrund der Menge günstiger einkaufen können. Darüber hinaus gehen allgemein auch die Auflagen zurück, da hat es der klassische Offset-Druck schwer.

Die Auflagen der Zeitungen gehen auch deshalb zurück, weil sich längst viele Menschen ausschließlich im Internet informieren. Fühlen Sie sich selbst eher der Zeitung und dem Buch hingezogen als dem Medium Internet?
García: Ich bin da privat sicher noch etwas old-fashioned. Ich habe noch eine Zeitung abonniert und möchte auch Bücher in gedruckter Form in der Hand halten und sie mal zur Seite legen können. Das hängt sicherlich auch etwas mit dem Alter zusammen. Ich bin jetzt 57. Und bei aller Technik, mit der ich es hier beruflich zu tun habe, bin ich froh, wenn ich abends zuhause den Schalter umlegen kann.

Sie haben also keinen Kindle oder irgendeinen anderen E-Book-Reader?
Garcia: Nein, das mache ich noch ganz klassisch. Ich finde aber eine andere Entwicklung hoch spannend.

Nämlich welche?
García: Den Trend zu einer personalisierten Zeitung. Da gibt es schon Plattformen, die kosten auch nicht mehr als eine konventionelle Zeitung, so zwischen einem Euro und 1,20 Euro. Sie können sich diese Zeitungen aber zusammenstellen. Sie gehen hin und sagen, ich möchte vier Seiten Sport, drei Seiten Wirtschaft, vier Seiten Kultur, und das auch noch von verschiedenen Zeitungen. Das können sie dann jeden Tag neu bestimmen und zwar bis 23 Uhr abends - und am anderen Morgen haben Sie die Zeitung dann vorliegen. Das gibt es im Moment in den Großstädten schon, da gibt es noch viel Potenzial.

Zu Ihren Kunden zählen viele große Unternehmen aus Leverkusen und Umgebung. Verstehen Sie sich selber eigentlich als lokal verwurzelter Unternehmer?
García: Auf jeden Fall. Wir unterstützen hier ja auch sehr viele Vereine und kulturelle Veranstaltungen. Wir haben Künstler schon sehr früh gefördert durch die Erstellung von Plakaten oder Katalogen zu Ausstellungen. Und wir sponsern sie auch heute noch aus Überzeugung.

Sie sind auch Standortbotschafter Leverkusens und haben als solcher im vergangenen Jahr ein riesiges Transparent zum Regio-Gipfel entworfen...
Garcia: Es geht mir vor allem darum, die Stadt Leverkusen nach vorne zu bringen. Wenn ich Kontakte habe nach Langenfeld oder Solingen und in Erfahrung bringen, dass da ein Geschäftsmann ist, der sich neu aufstellen möchte - und dies vielleicht sogar in Leverkusen -, dann tritt der Botschafter in Erscheinung und sagt ’hey, komm’ doch mal nach Leverkusen, ich mach für dich einen Termin bei der Wirtschaftsförderung’. Die Idee dahinter ist ja gut. Bei der Wirtschaftsförderung arbeiten sieben bis acht Leute, die Hilfe gebrauchen können. Inzwischen gibt es, glaube ich, 70-80 Standortbotschafter. Jeder hat so sein Netzwerk, und wir wollen unter dem Strich alle etwas für Leverkusen tun.

Eine besondere Auszeichnung gab’s 2007 für Sie, als man Ihnen den Preis des Mittelstandes verliehen hat. Wie stolz macht Sie das?
Kassierer: Das macht mich schon stolz. Man wird ja dabei von der Wirtschaftsförderung nominiert. Und es hatte bis dahin noch nie ein Unternehmen aus Leverkusen gewonnen. Dabei sind durchaus einige sehr namhafte Unternehmen vorgeschlagen worden in den vergangenen Jahren. Sie haben bei diesem Preis eine Konkurrenz von circa 3000 bis 4000 Mitbewerbern. Und sie müssen viele Kriterien erfüllen. Die Frage, wie innovativ sie sind, spielt zum Beispiel eine große Rolle.

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Innovation ist ein schönes Stichwort. Gerade der Bereich der Medienlandschaft verändert sich rasend schnell. Wie reagieren sie darauf? Mit welchen Projekten werden Sie sich in den kommenden Jahren beschäftigen?
Garcia: Vor allem mit dem Thema digitale Zeitung. Ich habe mir bereits Großanlagen angeschaut, die in diesem und im kommenden Jahr herauskommen. Die Idee dahinter ist: Sie haben Ihren Computer, an dem Sie Ihre Seiten selber gestalten. Wenn Sie Ihre 40 Seiten dann fertig zusammen gestellt haben, treffen Sie die Entscheidung: Jetzt möchte ich diese Broschüre ein Mal oder tausend Mal gedruckt haben. Irgendwo steht dann diese Anlage und druckt auf Knopfdruck die gewünschten Broschüren. Ich denke schon, dass ich unsere zwei Jahre alten Offset-Druckmaschinen in fünf bis sechs Jahren gegen eine solche große Anlage austauschen werde. Eine solche Druckmaschine hätte den Vorteil, dass Sie Drucksachen personalisieren können.

Können Sie ein Beispiel nennen?
García: Nehmen wir ein Magazin, indem bestimmte Inhalte für alle Leser durchlaufen, andere Inhalte wiederum an die individuellen Interessen bestimmter Gruppen angepasst werden können. Das heißt nichts anderes, als dass sie verschiedene Versionen eines Magazins herstellen können. Und: Diese Maschinen sind nicht nur viermal so schnell wie eine herkömmliche Offset-Druckmaschine, sondern sie haben auch den Vorteil, dass sie den kompletten Prozess in dieser einen Maschine haben. Momentan ist es ja so, dass die gedruckten Bögen zum Buchbinder kommen, wo sie gefalzt werden. Dann kommen die Sammelhefter, die die Lagen übereinanderlegen. Dann wird geheftet und zum Schluss kommt der Beschnitt. Diese neuen Maschinen aber, die drucken, die falzen, die heften, die schneiden und die bündeln auch, wenn sie wollen, das heißt, die legen Ihnen dann auf einer Europalette Zehner-Stapel übereinander. Das ist die Zukunft. Mit einer solchen Maschine sehe ich uns dann noch besser aufgestellt. Denn momentan haben die Online-Druckereien noch Vorteile, weil sie eine Batterie an Druckmaschinen haben. Wenn diese neuen Druckmaschinen aber auf dem Markt sind, dann gibt es keine Vorteile mehr für den einen oder anderen. Wer die Maschine hat, der hat sie eben. Dann entscheiden andere Kriterien. Da unsere Kernkompetenz hier in der Vorstufe liegt, sind wir in sofern gut aufgestellt, als dass es dann darum geht, diese Maschine programmieren zu können. Wir brauchen dann keine Top-Drucker oder Buchbinder, weil diese Maschine ja alles alleine tut. Noch gibt es davon bislang nur Prototypen. Aber in ein paar Jahren dürfte die Maschine auf den Markt kommen. Und dann haben die klassischen Druckereien ein Problem, weil deren Know-how dann gar nicht mehr gefragt sein wird. Was man dann braucht, sind intelligente Programme. Damit beschäftigen wir uns momentan. Für alle, die momentan Zeitungen oder Magazine herausbringen, ist das eine ganz spannende Sache.

Wie stellen Sie sich denn die mediale Wirklichkeit in der Zukunft für den Otto Normalverbraucher vor? Wird es in 15, 20 Jahren überhaupt noch den klassischen Zeitungsmarkt geben?
García: Nein, das kann ich mir nicht vorstellen. Ich gehe eher davon aus, dass wir uns dann alles elektronisch anschauen können. Und wer will, kann sich dann das auch noch ausdrucken lassen. Die klassischen Zeitungen oder Magazine, wie wir sie heute kennen, wird es in 20 Jahren meiner Meinung nach nicht mehr geben. Dafür ist der Aktualitätsdruck einfach viel zu hoch.

Die mobilen Geräte, mit denen wir heute Medieninhalte konsumieren, kommen in immer schnellerem Takt auf den Markt und bringen ständig technische Neuerungen. Ist dieses Wahnsinnstempo überhaupt noch gut für die Menschen?
Garcia: Das ist doch beispielsweise bei den Autos auch so gewesen. Es gab viele Neuerungen und daran waren alle wahnsinnig interessiert. Ich selber ja auch. Als die Navigationsgeräte kamen oder die Autotelefone, dachte auch ich, wow, was für ein tolles Teil. Irgendwann, wenn man sich dran gewöhnt hat, dann hat das gar nicht mehr diesen Stellenwert. Der Mensch ist ja neugierig, und erst einmal beschäftigt er sich damit. Aber irgendwann erkennen sie ja für sich selber den wahren Wert dieser Dinge. Bei vielen Neuerungen, die auch toll sind, überlegt man sich schließlich, brauche ich das überhaupt? Und dann konzentriert man sich wieder nur auf die wesentlichen Sachen. Ich benutze nicht mehr alles, was möglich ist, sondern eben nur die Dinge, die für mich wichtig sind. Und das wird mit zunehmendem Alter immer weniger. Ich brauche heute kein Autotelefon mehr. Man muss nicht immer erreichbar sein. Wir werden uns insgesamt mehr hinterfragen und nicht alles mitmachen, was möglich ist. Da muss sich, glaube ich, jeder selbst ein bisschen im Zaum halten.

Über welche technischen Neuerungen im Bereich der Kommunikationstechnologie würden Sie sich denn noch freuen?
Garcia: Ich weiß nicht, ob ich mir das unbedingt wünschen würde. Aber vorstellbar ist ja, dass wir alle in Zukunft über ein Handy verfügen, Über das wir alles abwickeln. Wir schließen die Haustüre damit auf, wir können damit bezahlen, wir können es als Beamer nutzen und uns irgendwo, wo wir gerade sind, die Tagesschau auf einer weißen Wand ansehen. Auch alle persönlichen Informationen über einen selber werden dann dort drauf sein, also zum Beispiel Krankenkassenzugehörigkeit oder ähnliches. Wir dürfen dieses Handy dann nur nicht verlieren, das wäre schlecht. Aber wenn man ehrlich ist, wäre das schon eine schöne Sache. Man hätte ein Gerät für alles. Ich denke, so wird es auch kommen.


 

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